Was kommt zuerst? Die richtige Reihenfolge für Familienfinanzen
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Veröffentlicht am 23.08.2026
Viele Familien, die zu mir in die Beratung kommen, haben nicht zu wenig gemacht. Häufig ist sogar ziemlich viel vorhanden. Ein Tagesgeldkonto, zwei oder drei Versicherungen, vielleicht ein ETF-Sparplan, irgendein Altersvorsorgevertrag und nicht selten schon ein Junior-Depot für das Kind.
Trotzdem fehlt manchmal ein Plan. Nicht, weil die Familie sich nicht gekümmert hätte, sondern weil viele Entscheidungen einzeln entstanden sind. Das Kind wird geboren, also beginnt das Kindersparen. Der Arbeitgeber bietet eine betriebliche Altersvorsorge an, also wird sie mitgenommen. Irgendwann beschäftigt man sich mit ETFs und startet einen Sparplan. Zwischendurch wird die Absicherung angepasst.
Nach einigen Jahren liegen dann mehrere vernünftige Einzelentscheidungen nebeneinander. Was aber oft niemand geprüft hat: Passen sie überhaupt zusammen? Genau dort beginnt für mich Finanzplanung.
Kurz gesagt: Für mich beginnt gute Finanzplanung nicht mit der Frage, welches Produkt als Nächstes abgeschlossen werden soll. Sie beginnt mit der Frage, was für diese Familie jetzt wirklich Priorität hat.
Rechtlicher Hinweis
Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Finanz-, Anlage-, Versicherungs-, Steuer- oder Rechtsberatung. Welche Reihenfolge sinnvoll ist, hängt von Einkommen, Verpflichtungen, bestehenden Ansprüchen, Vermögen, familiärer Situation und persönlichen Zielen ab.
Es gibt keine perfekte Reihenfolge für jede Familie
Ich halte wenig von Finanzplänen, die behaupten, jede Familie müsse sieben Punkte exakt nacheinander abarbeiten. Das Leben funktioniert nicht so.
Eine Familie kann gleichzeitig einen Notgroschen aufbauen und für das Kind sparen. Ein Immobilienkredit muss nicht zwingend vollständig getilgt werden, bevor ein ETF-Sparplan beginnt. Und nur weil eine Berufsunfähigkeitsversicherung wichtig ist, bedeutet das nicht automatisch, dass jede bestehende Absicherung sofort ersetzt werden muss.
In der Beratung geht es deshalb nicht darum, eine starre Reihenfolge durchzusetzen. Ich versuche herauszufinden, wo aktuell das größte finanzielle Risiko liegt, welche Entscheidungen voneinander abhängen und welches Geld überhaupt langfristig verfügbar ist.
Dabei schaue ich zuerst auf Liquidität, Verpflichtungen, existenzielle Risiken und bereits vorhandene Vorsorge. Danach lässt sich viel besser entscheiden, wohin zusätzliches Geld fließen sollte.
Wie viel Reserve braucht eine Familie wirklich?
Beim Notgroschen bin ich in der Praxis eher konservativ. Die Verbraucherzentrale nennt zwei bis drei Monatsgehälter als Orientierung. Persönlich empfehle ich Familien häufig drei bis sechs Monatsgehälter und tendiere bei höheren laufenden Verpflichtungen eher in Richtung sechs.
Das ist aber keine mathematische Wahrheit. Zwei sichere Einkommen, niedrige Fixkosten und eine Mietwohnung sind eine andere Ausgangslage als Selbstständigkeit, Eigenheim, zwei Autos und mehrere größere Verpflichtungen. Deshalb schaue ich nicht nur auf das Gehalt, sondern vor allem auf notwendige Ausgaben, Einkommenssicherheit und die Frage, wie schnell eine Familie ihre Kosten anpassen könnte.
Und es gibt noch einen Punkt, der in theoretischen Rechnungen gerne verloren geht: Menschen müssen mit ihrer Finanzplanung schlafen können. Wenn jemand mit 10.000 Euro Reserve dauerhaft nervös ist und mit 20.000 Euro ruhig schläft, würde ich nicht zwanghaft 10.000 Euro investieren, nur weil irgendeine optimale Vermögensaufteilung das vorgibt.
Natürlich kann auch zu viel Geld dauerhaft unproduktiv herumliegen. Aber das ist eine andere Frage. Ein Notgroschen soll in erster Linie Handlungsfähigkeit schaffen und verhindern, dass eine ungeplante Ausgabe sofort den langfristigen Vermögensaufbau zerlegt.
Schulden sind nicht automatisch das Erste, was verschwinden muss
Bei Schulden wird mir ebenfalls zu häufig pauschal argumentiert. Ein dauerhaft ausgereizter Dispo oder ein hoch verzinster Konsumentenkredit ist für mich etwas völlig anderes als ein langfristiger Immobilienkredit, dessen Rate sauber in den Haushalt passt. Die Zinsen auf teure Schulden sind sicher fällig. Eine mögliche Rendite aus Geldanlage ist es nicht. Deshalb kann es sehr sinnvoll sein, teure Verbindlichkeiten zuerst anzugehen.
Trotzdem würde ich einer Familie mit Immobilienfinanzierung nicht grundsätzlich sagen: Erst wenn das Haus schuldenfrei ist, dürft ihr Vermögen aufbauen. Ich schaue auf Zinssatz, Zinsbindung, Liquidität, mögliche Sondertilgungen und die anderen Ziele der Familie.
Manchmal ist eine Sondertilgung attraktiv. Manchmal möchte ich lieber mehr Reserve sehen. Und manchmal spricht überhaupt nichts dagegen, Finanzierung und langfristigen Vermögensaufbau parallel laufen zu lassen. Genau diese Abwägung fehlt mir bei vielen allgemeinen Finanzregeln.
Bei der Absicherung sehe ich in der Praxis eher zu wenig als zu viel
Ich bin kein Freund von Überversicherung. Ich halte nichts davon, jedes theoretisch mögliche Risiko über irgendeinen Vertrag abzusichern.
Was ich in Beratungen allerdings regelmäßig sehe, ist das andere Extrem. Die BU-Rente wurde vor vielen Jahren festgelegt und nie an das heutige Einkommen angepasst. Eine Absicherung für den Todesfall fehlt ganz oder stammt noch aus einer Zeit vor Kindern und Immobilienkredit. Vollmachten sind nicht geregelt und beim Nachlass verlässt man sich darauf, dass es schon irgendwie passen wird.
Bei den eigenen Eltern kommt zunehmend noch das Thema Pflege hinzu. Dann geht es nicht nur um mögliche Heimkosten, sondern auch darum, wer Zeit übernimmt, ob Arbeitszeit reduziert werden muss und welche finanziellen Folgen das für die ganze Familie hat.
Gerade bei Familien ist eine Unterversicherung problematisch, weil nicht nur die Person betroffen ist, bei der etwas passiert. Wenn ein Elternteil dauerhaft nicht mehr arbeiten kann, hängen daran möglicherweise Partner, Kinder, Immobilienfinanzierung und Altersvorsorge. Ein kleines Kind kann seinen Lebensunterhalt nicht plötzlich selbst verdienen, nur weil ein Einkommen ausfällt.
An dieser Stelle gehört für mich noch ein Thema dazu, das in unserer eigenen Kindheit deutlich weniger präsent war: psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. In der Beratung erlebe ich zunehmend Familien, bei denen genau dieses Thema plötzlich den gesamten Alltag verändert. Therapieplätze sind teilweise schwer zu bekommen und eine längere Betreuung lässt sich nicht immer neben einer normalen Berufstätigkeit organisieren.
Wenn der Anspruch auf Kinderkrankengeld ausgeschöpft ist oder die Betreuung über einen längeren Zeitraum notwendig wird, kann das für Eltern bedeuten, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder beruflich deutlich kürzerzutreten. Dann betrifft die Erkrankung des Kindes nicht nur die Gesundheit, sondern unmittelbar auch das Familieneinkommen.
Deshalb gehört für mich auch die Frage, wie eine Familie finanziell mit einer längeren Erkrankung eines Kindes umgehen könnte, in ein Gespräch über Absicherung. Nicht, weil jedes Kind dafür einen zusätzlichen Vertrag braucht, sondern weil man zumindest wissen sollte, welche finanziellen Folgen entstehen könnten, welche Leistungen bereits vorhanden sind und welche Lücke die Familie selbst tragen müsste.
Zur Absicherung gehören für mich deshalb Privathaftpflicht, die Absicherung der Arbeitskraft, Todesfall, längere Krankheit, Risiken rund um die Kinder und zunehmend auch Pflege zumindest einmal auf den Tisch. Wo ich mich von einfachen Checklisten unterscheide, ist der nächste Schritt: Nur weil ein Risiko wichtig ist, folgt daraus noch nicht automatisch ein neuer Vertrag.
Vielleicht gibt es bereits eine gute Absicherung über den Arbeitgeber oder Ansprüche aus einem Versorgungswerk. Vielleicht ist ausreichend Vermögen vorhanden oder das Einkommen des Partners reicht aus, um einen Teil des Risikos selbst zu tragen. Genau deshalb muss zuerst die vorhandene Versorgung auf den Tisch.
Und gerade wenn Gesundheitsfragen ins Spiel kommen, würde ich nicht einfach online irgendeinen Antrag stellen. In meiner Praxis sehe ich immer wieder, wie wichtig eine saubere Aufbereitung der Gesundheitshistorie sein kann. Was beim Abschluss wie ein nebensächliches Detail wirkt, kann Jahre später im Leistungsfall sehr relevant werden.
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Altersvorsorge beginnt bei mir nicht automatisch mit einem neuen Sparvertrag
Ein weiteres typisches Bild aus Beratungen: Jemand kommt mit dem Gefühl, bei der Altersvorsorge dringend etwas machen zu müssen. Die erste Aussage lautet dann häufig: Ich habe irgendwas von ETFs für das Alter gehört. Mir fehlt davor noch ziemlich viel. Was ist bereits vorhanden? Wie hoch könnte die gesetzliche Rente sein? Gibt es eine betriebliche Altersvorsorge? Bestehen alte Verträge? Was ist mit Immobilien oder möglichen Erbschaften? Bei Beamten stellt sich die Frage nach der Pension, bei Ärzten, Rechtsanwälten und anderen verkammerten Berufen nach dem jeweiligen Versorgungswerk.
Für gesetzlich Rentenversicherte ist die Renteninformation ein sinnvoller Ausgangspunkt. Aber auch diese Zahl ist für mich erst der Anfang. Danach möchte ich wissen, welchen Lebensstandard die Familie später eigentlich finanzieren möchte. Erst daraus entsteht eine Versorgungslücke, die man sinnvoll besprechen kann.
Und manchmal kommt dabei etwas heraus, was für Beratung erstaunlich unspektakulär klingt: Der vorhandene Vertrag ist völlig in Ordnung. Die betriebliche Altersvorsorge darf bleiben. Der ETF-Sparplan reicht aktuell. Es muss gerade nichts Neues abgeschlossen werden. Auch das ist ein Ergebnis.
Was ich persönlich nicht empfehlen würde, ist, eine einmal gewählte Strategie über Jahre einfach laufen zu lassen, ohne sie regelmäßig gemeinsam mit dem Berater zu überprüfen. In der Praxis sehe ich immer wieder Verträge, bei denen Kosten, Anlagekonzept oder Vertragsstruktur aus meiner Sicht deutlich genauer betrachtet werden sollten. Manche Anbieter und Tarife fallen dabei erfahrungsgemäß häufiger auf als andere.
Das Problem: Solche Verträge bekommen oft erstaunlich wenig Aufmerksamkeit, wenn die Zusammenarbeit mit dem Berater ansonsten gut funktioniert. Dann wird ein Vertrag jahrelang weitergeführt, obwohl Kosten, tatsächliche Entwicklung oder die ursprünglichen Annahmen längst einmal neu bewertet werden sollten.
Mit unserem Altersvorsorgeplaner kannst du direkt ausrechnen, wie hoch dein Kapitalbedarf für den Ruhestand ist. Nutze dafür unseren internen Rechner.
Beim Junior-Depot denke ich zuerst an das Ziel des Geldes
Beim Sparen für Kinder wird es schnell emotional. Viele Eltern möchten ihrem Kind später Studium, Führerschein, erste Wohnung oder einfach einen guten Start ermöglichen. Das finde ich sinnvoll. Wenn das Ziel wirklich Startkapital für das Kind ist und die Eltern bewusst damit umgehen, dass das Geld dem Kind gehört, kann ein Junior‒Depot sehr gut passen.
Was ich nicht empfehlen würde, ist das Junior-Depot komplett losgelöst von den Finanzen der Eltern zu betrachten. Wenn jeden Monat 259 Euro ins Junior-Depot fließen, während die Eltern selbst kaum Rücklagen haben, eine große Versorgungslücke besteht oder eine Immobilienfinanzierung auf Kante genäht ist, würde ich darüber sprechen.
Nicht weil Sparen für Kinder falsch wäre. Sondern weil Kinder auch davon profitieren, wenn ihre Eltern finanziell stabil bleiben und am Ende sogar Elternunterhalt fließen muss, da an der persönlichen Absicherung gespart wurde.
Vielleicht sind dann vorübergehend 75 Euro fürs Kind sinnvoller als 259 Euro. Vielleicht können nach zwei Jahren daraus 300 Euro werden. Vielleicht sind bereits Großeltern beteiligt und die Eltern müssen selbst überhaupt nicht zusätzlich sparen. Das lässt sich nicht mit einer allgemeinen Sparquote lösen.
Auch „nichts ändern“ darf ein Beratungsergebnis sein
In meiner Beratung ist auch „nichts Neues“ ein völlig legitimes Ergebnis. Wenn der Notgroschen passt, die wesentlichen Risiken ausreichend abgesichert sind, die Altersvorsorge auf Kurs liegt und das Junior-Depot genau die Aufgabe erfüllt, für die es eingerichtet wurde, muss ich nicht zwanghaft noch einen weiteren Baustein finden.
Manchmal ändere ich lieber gar nichts. Manchmal würde ich einen bestehenden Vertrag behalten, obwohl heute vielleicht eine modernere Lösung verfügbar wäre, weil ein Wechsel unter Berücksichtigung von Kosten, Garantien und bisheriger Vertragsdauer keinen überzeugenden Vorteil bringt und manchmal würde ich eine Entscheidung sogar bewusst verschieben, weil in sechs Monaten Elternzeit beginnt, ein Hauskauf geplant ist oder ein Arbeitgeberwechsel bevorsteht. Auch das gehört zur alltäglichen Praxis dazu.
Wann ich Familienfinanzen neu sortieren würde
Eine Finanzplanung muss nicht jeden Januar komplett neu gebaut werden. Es gibt aber Lebensereignisse, bei denen ich genauer hinschauen würde: Geburt eines Kindes, Elternzeit, deutliche Einkommensänderungen, Teilzeit, Immobilienkauf, Heirat, Trennung, Selbstständigkeit, Arbeitgeberwechsel oder größere Veränderungen beim Vermögen.
Denn dann verschieben sich häufig mehrere Dinge gleichzeitig. Der bisherige Notgroschen kann zu klein sein. Die Todesfallabsicherung passt nicht mehr. Eine BU-Rente ist nach einigen Gehaltssprüngen zu niedrig. Das Kindersparen bekommt eine andere Priorität oder die Altersvorsorge muss nach mehreren Jahren Teilzeit neu berechnet werden. Das ist für mich sinnvoller, als ständig an jeder einzelnen Sparrate herumzuoptimieren.
Was kommt also zuerst?
Wenn du von mir trotzdem eine allgemeine Reihenfolge erwartest, wäre sie ungefähr so: Erst möchte ich verstehen, wie die Familie finanziell heute dasteht und was in den nächsten Jahren geplant ist. Dann prüfe ich, ob genügend Liquidität vorhanden ist und ob teure oder problematische Verpflichtungen bestehen. Danach schaue ich auf Risiken, die das finanzielle Fundament der Familie ernsthaft beschädigen könnten.
Wenn diese Basis vernünftig aussieht, werden Altersvorsorge, freier Vermögensaufbau und Sparen für Kinder priorisiert. Diese Themen können sich überschneiden. Sie können parallel laufen. Und die Gewichtung kann sich ändern.
Das ist kein Fehler im System. Das ist Familie.
Fazit
Familienfinanzen werden aus meiner Sicht nicht dadurch besser, dass man möglichst viele Finanzregeln befolgt.
Ein Notgroschen ist sinnvoll, aber seine Höhe muss zur Familie passen. Schulden sollte man ernst nehmen, aber nicht jeder Kredit muss vor jedem Investment verschwinden. Absicherung ist wichtig, aber nicht jedes Risiko braucht einen Vertrag. Altersvorsorge braucht eine Rechnung, aber nicht zwangsläufig ein neues Produkt. Und ein Junior-Depot kann hervorragend sein, solange es zu dem passt, was die Familie insgesamt vorhat. Genau diese Abwägungen sind der Teil meiner Arbeit, den eine allgemeine Checkliste nicht übernehmen kann.
Deshalb würde ich bei Familienfinanzen nicht zuerst fragen: „Was muss ich noch abschließen?“ Sondern: „Was funktioniert bereits, wo liegt tatsächlich ein Problem und was hat für unsere Familie jetzt Priorität?“ Wenn diese drei Fragen beantwortet sind, werden viele Entscheidungen deutlich einfacher.
Wenn du deine Familienfinanzen einmal genau so betrachten möchtest, kannst du bei FinanzEltern eine Beratung anfragen. Im kostenfreien Kennenlernen schauen wir zunächst, wo du stehst und ob wir dir überhaupt sinnvoll helfen können.
Quellen und Einordnung
Verbraucherzentrale: Bevor Sie Geld anlegen, das kleine Einmaleins der Geldanlage
Verbraucherzentrale: Zwei bis drei Monatsgehälter gehören für Notfälle aufs Tagesgeldkonto
Verbraucherzentrale: Welche Versicherungen brauche ich?
Verbraucherzentrale: Private Haftpflichtversicherung
Verbraucherzentrale: Berufsunfähigkeit und Verlust des Einkommens
Verbraucherzentrale: Risikolebensversicherung und Schutz im Todesfall
Deutsche Rentenversicherung: Renteninformation und Digitale Rentenübersicht